Leben

»Verbraucherinnen und Verbraucher können etwas verändern und Impulse setzen.« Kerstin Scheidecker (re. i. B.)

»Wir alle müssen kaufen. Wir können nicht einfach aus unserem System aussteigen. Aber solange wir über unseren Konsum an kleinen Stellschrauben drehen können, sind wir als Verbraucher auch in der Lage, Dinge zu verändern.« So formuliert es Kerstin Scheider, die zusammen mit Katja Tölle in »Gibt's das auch in Grün?« die Tricks der Industrie entlarvt und uns zu einem nachhaltigeren Konsum verhilft. Im Interview mit campus.de sprechen die Autorinnen über ihr aktuelles Buch.

Sie bieten in Ihrem Buch ein breites Spektrum an umweltfreundlichen und ökonomisch fairen Einkaufstipps und klären über die Taktiken der Industrie auf, Herkunft, Inhaltsstoffe und Arbeitsbedingungen hinter den Produkten zu verschleiern. Hinter wie vielen der vermeintlich grünen Produkte steckt eigentlich Greenwashing, also ein Täuschen der Verbraucher? 

Kerstin Scheidecker: Hinter sehr vielen! Sicher müssen wir uns fragen: Wo fängt Greenwashing an, wo hört es auf? Aber Begriffe und Bildchen, die auf eine vermeintliche Natürlichkeit oder Umweltfreundlichkeit der Produkte anspielen, ohne dass es dafür eine Grundlage gibt, sehen wir sehr oft. Das fängt mit den glücklichen Kühen vor einer Berglandschaft auf Milchverpackungen an und hört bei »korallenfreundlichen Sonnencremes« nicht auf. Oft stammt die Milch von Kühen, die nie eine Weide gesehen haben. Eine Sonnenmilch, die von unserer Haut ins Meer gelangt, ist eine Belastung für die Umwelt. Oder ganz aktuell: Die Werbung mit dem Begriff »klimaneutral«. Jeder, der damit wirbt, dass sein Produkt klimaneutral sei, wäscht es grün. Denn klar ist: Kein Produkt ist wirklich klimaneutral, das geht grundsätzlich nur über Kompensation.

Aber es geht nicht nur um falsche Versprechen und grünfärbende Werbung. Es geht auch um Dinge, die die Hersteller vor uns verstecken: dass sie also gerade nicht auf die Verpackung schreiben, dass die Tomaten in dem Ketchup aus China stammen oder dass in unserem Honigglas Honig aus Mexiko, Ecuador, China und Brasilien zusammengemischt wurde. Insgesamt kann man aber klar sagen: Die Hersteller haben erkannt, dass Kundinnen und Kunden immer häufiger zu nachhaltigeren Produkten greifen. Und einige bieten deswegen nachhaltigere Produkte an – und viele andere tun eben nur so, als ob.

 

Die wenigsten Verbraucher:innen wissen, dass die Tomaten im Ketchup teilweise aus China kommen. Wie kann es sein, dass wir die Herkunft der Inhaltsstoffe auf der Verpackung nicht klar erkennen?

Katja Tölle: Ganz einfach: weil das erlaubt ist. Es gibt bisher nur wenige Gesetze zur Herkunftskennzeichnung von verarbeiteten Lebensmitteln. Und die, die es gibt, gehen nicht weit genug. Wenn ich eine Tube Tomatenmark verkaufe, auf der eine italienische Fahne prangt und vielleicht noch »pomodori di nonna« steht – selbst dann darf ich als Hersteller noch chinesische Tomaten darin verkaufen. Dann muss ich das nur im Kleingedruckten vermerken, dass die Tomaten nicht aus Italien stammen. Auf einer neutralen Dose, die nicht mit einer italienischen Herkunft wirbt, muss ein Hersteller überhaupt keinen Hinweis zur Herkunft machen. Sowas ärgert uns.

 

Ganz konkret: feste Shampoos, Duschgels und Co. sind besser als flüssige. Warum genau?

Kerstin Scheidecker: Das hat zwei Gründe: Wasser und Verpackung. Wenn das flüssige Shampoo transportiert wird, transportiert der Hersteller jede Menge schweres Wasser und verbraucht dadurch mehr schädliche Klimagase. Und natürlich braucht so ein mit Wasser aufgepumptes Produkt viel mehr Plastikverpackung. Festes Shampoo hingegen kommt oft mit einer schlichten leichten Kartonverpackung aus. Und jetzt stehen wir am Regal und sehen das flüssige Shampoo in grüner Flasche mit Blümchenaufdruck und den Worten klimaneutral, natürlich, biologisch abbaubar und einem zusätzlichen Hängeetikett, auf dem steht: Verpackung aus Recyclingmaterialien. Gegen so viele grüne Versprechen hat es das feste Shampoo mit der tatsächlich besseren Ökobilanz ganz schön schwer. Ein gutes Beispiel, wie Greenwashing es uns schwer macht, das ökologisch bessere Produkt zu erkennen.

 

Warum ist Hafermilch im Vergleich zur Kuhmilch eigentlich so teuer, obwohl das Produkt doch recht einfach herzustellen ist?

Katja Tölle: Ja, das ist ein Unding, bei dem eine Reihe von Absurditäten und Ungerechtigkeiten zusammenwirken. Zum einen wird Kuhmilch häufig so billig angeboten, dass die Milchbäuerinnen und -bauern da kaum von leben können. Und es hängt sicherlich auch damit zusammen, dass die Kundinnen und Kunden von Hafermilch offenbar bereit sind, so viel zu zahlen – Angebot und Nachfrage. Die Margen dürften hoch sein, wenn man bedenkt, dass da nur ein bisschen Hafer, Wasser, Öl und vielleicht noch ein paar Zusatzstoffe drin sind und das Ganze gleich zwei Euro und mehr kosten soll. Aber ein Grund ist auch, dass für Kuhmilch als »Grundnahrungsmittel« sieben Prozent Mehrwertsteuer anfallen und für die Hafermilch 19 Prozent – obwohl die Hafermilch viel besser fürs Klima ist als die Kuhmilch. Weil die Politik immer noch keine klaren Prioritäten setzt in die Richtung, dass sie die Produktion klimafreundlicherer Lebensmittel unterstützt.

 

Es ist immer noch billiger, Honigmischungen aus Paraguay als den Honig aus dem Hunsrück zu importieren. Wie kann diese absurde Situation verändert werden? Woher muss der Impuls kommen?

Kerstin Scheidecker: Wir glauben schon, dass wir als einzelne Konsumentinnen und Konsumenten hier etwas bewegen können. Wenn möglichst viele nicht mehr den billigen Importhonig kaufen, dann bringt das sicherlich etwas. Aber viele können sich das angesichts der Preise gar nicht leisten. Deshalb: Ja, wir Verbraucherinnen und Verbraucher können etwas verändern und Impulse setzen. Aber: Wir sind nicht dafür verantwortlich, dass die Strukturen so bescheiden sind. Es ist die Aufgabe der Politik, hier die passenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Importierte Lebensmittel sind oft ja nur so billig, weil andere den Preis dafür zahlen: die Arbeiterinnen und Arbeiter zum Beispiel, die für Hungerlöhne schuften oder ohne angemessene Schutzkleidung Pestizide verspritzen. Was, wenn alle Akteure in der Lieferkette existenzsichernde Löhne zahlen würden? Und Transporte nicht mit subventionierten fossilen Kraftstoffen stattfinden würden? Wie würde sich das Preisgefüge dann verschieben? Es wäre aber schon einmal ein Anfang, wenn man auf dem Honigglas stehen würde: Herkunft: Paraguay, Argentinien, Mexiko, Iran, Vietnam oder China. Damit Verbraucherinnen und Verbraucher Kaufentscheidungen treffen können, müssen sie erst einmal wissen, für was sie sich entscheiden.

 

Es gibt Stoffe, wie Bisphenol A, die in Babytrinkflaschen längst verboten sind, in Dosen tauchen sie aber immer noch auf. Warum?

Katja Tölle: Auch hier: Weil es erlaubt ist. In Babyflaschen ist es verboten, die Hersteller haben reagiert. In Dosen ist BPA erlaubt – und steckt auch weiterhin drin. Was Bisphenol A betrifft, fordern wir ein weitreichendes Verbot, das vielleicht auch bald kommen wird. Das Problem ist aber, dass die Industrie erfinderisch ist. Wenn die eine Chemikalie verboten wird, kommt die nächste – und ob die besser ist? Das werden Untersuchungen dann zeigen, aber das kann Jahrzehnte dauern.

 

Das Thema Ökostrom in ihrem Buch wird sicher bei vielen Leser:innen für Überraschungen sorgen. Warum ist der Ökostrom oft gar nicht nachhaltig?

Kerstin Scheidecker: Kurz gesagt: Weil viele Ökostromtarife nicht zum Ausbau der erneuerbaren Energie beitragen. Ökostrom, den wir Verbraucherinnen und Verbraucher kaufen können, darf nicht aus Kraftwerken stammen, die über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gefördert wurden. Hierzulande gilt ein Doppelvermarktungsverbot. Um Ökostrom vermarkten zu können, brauchen die Anbieter Herkunftsnachweise für Strom aus regenerativen Quellen, der außerhalb der EEG-Förderung erzeugt wurde. Das sind in der Realität oft Nachweise für Strom auf alten norwegischen Wasserkraftwerken und deren Betrieb treibt ja nicht die Energiewende an. Verstehen Sie uns nicht falsch, wir sind große Fans von Ökostrom. Aber es muss schon ein Tarif sein, der auf die Energiewende einzahlt.

 

Sie empfehlen den Kauf von Bioprodukten, von Produkten, die fair gehandelt werden. Was ist mit den Menschen, die sich den Einkauf in Biosupermärkten nicht leisten können? Bringt auch schon der Kauf der Bio-Reihe aus dem Discounter eine Verbesserung?

Katja Tölle: Ja, definitiv. Im Bio-Anbau – ob Discounter oder Reformhaus – sind chemisch-synthetische Pestizide verboten, um nur einen von vielen Vorteilen zu nennen. Und das ist immer ein riesiges Plus für die Umwelt. Aber es ist und bleibt ein Skandal: Wer sich beim Einkaufen fairer, nachhaltiger, sozialer verhalten will, der muss tiefer in die Tasche greifen. Deswegen sagen wir ja auch ganz klar, wer das nicht kann, der kann wichtigeres tun als fairer zu konsumieren. Der kann sich politisch engagieren, auf die Straße gehen, den Unternehmen auf die Nerven gehen. Die großen Veränderungen müssen von der Politik kommen und von der Industrie.Die sind in der Verantwortung.

 

Sie haben einen Wunsch frei: was wünschen Sie sich von der Politik oder der Industrie?

Kerstin Scheidecker: Dass die regionale Bio-Hafermilch im Regal günstiger ist als die konventionelle Kuhmilch – um nur ein Beispiel zu nennen. Klimafreundliche Produkte müssen günstiger werden als klimaschädliche. Und von der Politik wünschen wir uns die passenden Gesetze dazu.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Kerstin Scheidecker, ausgebildete Journalistin, ist seit über 20 Jahren für ÖKO-TEST tätig, inzwischen als Chefredakteurin und Geschäftsführerin. Gemeinsam mit der ÖKO-TEST-Redaktion schaut sie mithilfe unabhängiger Produkttests der Konsumgüterindustrie auf die Finger, deckt deren Marketingtricks auf und macht sich für Verbraucher- und Umweltschutz stark.

Katja Tölle ist stellvertretende Chefredakteurin von ÖKO-TEST. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaften arbeitete sie für mehrere Tageszeitungen. Gemeinsam mit der ÖKO-TEST-Redaktion schaut sie mithilfe unabhängiger Produkttests der Konsumgüterindustrie auf die Finger, deckt deren Marketingtricks auf und macht sich für Verbraucher- und Umweltschutz stark.

 

Sie möchten dieses Interview zweitverwerten? Wenden Sie sich bitte an Nina Schellhase (schellhase@campus.de)

 

 

 

06.02.2024

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Gibt’s das auch in Grün?
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