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Wissenschaft

»Ich plädiere dafür, Deutschland als Einwanderungsland zu begreifen, das man aktiv gestalten kann.«

Annette Treibel hat ein Buch über Integration geschrieben. Für die Professorin für Soziologie ist das ein Projekt, das von zwei Seiten aktiv angepackt werden muss. Ein Interview.

Über Ausländer, Migration, über Einwanderung und Integration wird viel geredet. Sind die Begrifflichkeiten denn eigentlich klar?

Annette Treibel: Ganz im Gegenteil, die Begriffe sind erstaunlich unklar. Besondere Unterschiede bestehen zwischen dem Alltagsverständnis und dem offiziellen Verständnis. Das kann man gut am Begriff »Ausländer« zeigen. In der Alltagssprache sind damit fremdländisch aussehende, sich anders verhaltende oder eine andere Sprache sprechende Menschen gemeint. Aus Sicht vieler Menschen in Deutschland sind das Personen, die eine dunkle Hautfarbe oder schwarze Augenbrauen und Haare haben, die nicht deutsch, sondern zum Beispiel arabisch sprechen und sich in einer bestimmten Weise kleiden, etwa einen Kaftan oder ein Kopftuch tragen. Oder man nimmt den Namen als Anhaltspunkt: »Angerer« oder »Neuer« klingen deutsch, »Alushi« oder »Özil« jedoch nicht. An solchen Merkmalen, so heißt es, erkennt man Ausländer.

Was bedeutet »Ausländer« dagegen in der Rechtsprechung und der Amtssprache? Für Juristen und Behörden ist die Sache klar: Ausländer, das sind alle Nicht-Deutschen. Dabei geht es nicht um Aussehen, Sprache oder Kleidung, sondern nur um eine Frage: Welche Staatsangehörigkeit hat eine Person in Deutschland? Ist jemand deutscher Staatsbürger, dann ist er also kein Ausländer, sondern Deutscher.

Auch bei den anderen Begriffen lohnt es sich, ‚hin- und her‘ zu übersetzen. So ist »Integration« inzwischen ein politischer Kampfbegriff. Sein analytischer Wert ist dabei fast verloren gegangen: Integrieren kann man sich nämlich in eine Gesellschaft, aber auch als Gesellschaft.

Die Frage »Woher kommen Sie?« ist nicht angemessen für Einwanderer, für die Deutschland Heimat geworden ist. Und sie passt von Anfang an nicht für die in Deutschland geborenen Kinder von Einwanderern. Warum hält sich diese Frage nach der »ursprünglichen« Herkunft so hartnäckig?

Annette Treibel: Normalerweise sind die Fragen gut gemeint. Wer so fragt, geht davon aus, dass ein »ausländisches« Aussehen oder der ausländische Namensklang Anlass für spannende Geschichten und die Möglichkeit zur Anteilnahme bieten. Die Fragenden suchen einen Anker für ihren Kontakt. Sie sind vielleicht unsicher, möchten sich in Beziehung setzen, möchten die Beziehung klären. Sie haben ein unterschwelliges Bedürfnis nach Orientierung und Ordnung. Der Wunsch, sich auf diese Weise in Beziehung zu setzen, stößt bei den Einwanderern und ihren Nachkommen allerdings auf Unbehagen, da sie andere Beziehungswünsche haben. Menschen, die in Deutschland aufgewachsen sind, möchten als Einheimische und nicht als Eingereiste, die überraschend gut Deutsch können, angesprochen werden.

Hat der Begriff »Migrationshintergrund« ausgedient?

Annette Treibel: Nein, dieser Begriff ist immer noch nützlich. Mit ihm bezeichnet man Menschen, die selbst eingewandert sind oder aus Familien stammen, die eingewandert sind. Und es sind eben Ausländer (also Nicht-Deutsche) eingewandert – und Deutsche, die als Aussiedler und Spätaussiedler nach Deutschland gekommen sind. Insofern ist das Wort Migrationshintergrund speziell für Deutschland hilfreich. Derzeit befinden wir uns in einer Übergangsphase, in der wir realisieren, dass Deutschland zum Einwanderungsland geworden ist. In einer solchen Phase sind Begriffe wie Migrationshintergrund sinnvoll. In zehn bis zwanzig Jahren brauchen wir solche Begriffe vielleicht nicht mehr.

 

Ihr Buch ist ein Aufruf für ein besseres Zusammenleben im Einwanderungsland Deutschland. An wen appellieren Sie vor allem?

Annette Treibel: Ich appelliere vor allem an die Menschen, die ich die Alten Deutschen nenne. Damit sind diejenigen gemeint, die nicht zu den Einwanderern oder deren Nachkommen zählen, sondern schon länger in Deutschland ansässige Deutsche sind. Für manche der länger ansässigen Deutschen bedeutet es eine große Umstellung, dass sie nicht mehr automatisch die Bestimmer sind. Denn die Einwanderer, die ich auch Neue Deutsche nenne, sind eben nicht mehr nur Underdogs. Mittlerweile sind sie in allen gesellschaftlichen Schichten vertreten und gehören inzwischen teilweise auch zu den Etablierten: Filialleiterinnen im Einzelhandel mit marokkanischen Wurzeln, türkischstämmige Kommissare, Abteilungsleiter mit polnischem Migrationshintergrund, iranische Chefärztinnen – die Aufstiegsprozesse dieser Neuen Deutschen werden in der Öffentlichkeit kaum verhandelt. Es lohnt sich, sich auch mit diesen Veränderungen zu beschäftigen.

 

Integration ist nicht nur die Aufgabe von Einwanderern. Welchen Anteil haben die Längeransässigen für das Gelingen des Projekts?

Annette Treibel: Wenn die Längeransässigen Integration stärker auch als ihr Projekt verstehen, kann das Zusammenleben besser gelingen. Migration und Integration sind in der Welt von heute – von ganz wenigen Ländern abgesehen – normal und alltäglich. Ich plädiere dafür, den Hebel umzulegen‘ und Deutschland als Einwanderungsland zu begreifen, das man selbst aktiv gestalten kann. Wer im Sinne von Sarrazin, Pegida und anderen davon spricht, dass Deutschland »sich abschaffen« würde, lähmt sich selbst. Deutschland hat nämlich gute Voraussetzungen, sich als Einwanderungsland »neu zu finden«, was für viele Alte und Neue Deutsche noch ungewohnt ist.

Ihr Wunsch wäre ein Deutschland, das sich als Einwanderungsland begreift. Was fehlt vor allem auf dem Weg dorthin?

Annette Treibel: Vor lauter Abwehr und Angst vor den Veränderungen  haben viele gar nicht mitbekommen, dass es Hundertausende von Einwanderern und ihren Nachkommen gibt, die in Deutschland heimisch sind, Einheimische und Neue Deutsche sind. Manche schotten sich ab, wie es in vielen Einwanderungsländern zu beobachten ist, aber die meisten machen Deutschland ‚zu ihrem Ding‘. Es fehlt bislang vor allem an Selbstbewusstsein bei diesem Thema. Jahrzehntelang hat man verdruckst darum herum geredet. Wörter wie »Bereicherung« und Programme wie »Willkommenskultur« suggerieren, dass es bei Migration und Integration spannungsfrei abläuft. Konflikte gehören aber ebenso dazu wie Kooperationen und Sympathie. Das macht am Ende Integration in einem weiteren Sinne möglich, nämlich Integration aller in dieses neue Deutschland, das ein Einwanderungsland geworden ist.

 

Zur Person:

Annette Treibel ist Professorin für Soziologie am Institut für Transdisziplinäre Sozialwissenschaft der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe und Sprecherin der Sektion Migration und ethnische Minderheiten in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Seit 2011 ist sie Mitglied im Rat für Migration unter Schirmherrschaft der deutschen UNESCO-Kommission.

 

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23.07.2015

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